FRIGHT FIGHT FLIGHT

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Pressestimmen

 

Choreografie des Flüchtens


von Elisabeth Einecke-Klövekorn


Es gibt zahlreiche Fluchtgründe und -ziele. Die aktuelle Flüchtlingsthematik ist nur eins der vielen Motive, die die Bonner Tanzkompanie bo komplex zusammen mit dem Berner Ensemble T42dance entwickelt hat in der neuen interdisziplinären Produktion "Fright Fight Flight". Es gibt ein aus Stäben fragil zusammengesetztes Boot, leichte Zelte und vor allem viel Bewegung. Die großen Räume des Bonner Künstlerforums sind leer, die hohen weißen Wände bieten viel Platz für die 3D-Videos der belgischen Künstlerin Lieve Vanderschaeve. Sie kreiert regelmäßig animierte Bühneninstallationen für diverse Theater und hat bereits etliche Arbeiten von bo komplex visuell gestaltet.

Eine fantastische Projektion gibt es gegen Ende der rund 80minütigen Performance. Da springen die Tänzerinnen und Tänzer wie Traceure über Hochhausdächer und beginnen frei zu fliegen. Nicht alle Momente wirken so schwerelos wie diese imaginierte Flucht. Es gibt auch Schrecken und Kämpfe auf dem multiperspektivischen szenischen Parcours. Die Zuschauer - die Vorstellung am Freitag war fast ausverkauft - werden zwar sanft von einem Schauplatz zum nächsten geleitet, können dort aber herumgehen und ihren eigenen Blickwinkel suchen. Ausgestattet mit Kopfhörern, aus denen die eigens für diese Produktion komponierte elektronische Musik der Niederländerin Dyane Donck erklingt. Die akustische Vereinzelung in einer Menschenmenge aus Akteuren und Beobachtern schärft hier die Wahrnehmung des Geschehens und der eigenen Bewegung, die vom Erdgeschoss über eine schmale Treppe auf die Galerie führt und zurück ins Foyer.

Félix Duméril, Misato Inoue (beide tanzen selbst mit) und Bärbel Stenzenberger haben mit dem siebenköpfigen internationalen Ensemble eine Choreografie geschaffen, die wechselnde Facetten des Fliehens untersucht. Flüchtig erscheinen Schatten und Puppen, es gibt raumgreifende Läufe, aggressive und zärtliche Verklammerungen, hilfsbereites Tragen erschöpfter Körper, Festhalten und Loslassen. Tänzerische Virtuosität ist nur ein Element in diesem spartenübergreifenden Experiment. Alb- und Wunschträume, Verlust von Wurzeln, Angst und lustvoller Rausch - die assoziative Spurensuche (raffiniert ausgeleuchtet von Markus Becker) lässt viel Spielraum für individuelle Interpretationen.

Im Mittelpunkt steht der Tänzer Olaf Reinecke als eine Art Magier mit Mütze und langem Mantel. Gegen Ende erscheint er wie Berninis weltentrückte Theresa mit Strahlenkranz aus Stäben, die in einem gemeinsamen Ritual wieder zum Zeltgerüst zusammengebaut werden. Unterwegssein zwischen Furcht und Hoffnung: der spannende Tanztheater-Essay erzählt keine durchgängige Geschichte, eröffnet aber multiple Horizonte. Nach der mit viel Publikumsinteresse belohnten Uraufführung geht die Produktion auf Reisen mit Stationen in Köln (TanzFaktur, 30. und 31. März 2019), Budapest und mehreren Schweizer Städten.


(General-Anzeiger vom 12. November 2018)


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Link zum Video des Interviews von szenikmag mit der Tanzkompanie bo komplex und dem Schweizer Kollektiv T42dance nach der Premiere über ihr interdisziplinäres Tanzprojekt FRIGHT FIGHT FLIGHT