Diashow Goldberg Variationen

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Pressestimmen

 

"Kissenschlacht und Poesie" 

 

von E. Einecke-Klövekorn


 

Dass Johann Sebastian Bach seine Aria mit verschiedenen Veränderungen für den Grafen Keyserlingk verfasst habe, damit dessen Cembalist Goldberg ihn in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufheitern könne, ist eine schöne Legende. Die Bonner Tanzkompanie „bo komplex“ nimmt sie wörtlich in ihrer neuen Produktion „Goldberg Variationen oder Eine schlaflose Nacht“. Und zwar höchst vergnüglich.
Zwei verspielte große Kinder in Nachthemd und Pyjama treiben in der Choreographie von Bärbel Stenzenberger ihren nächtlichen Schabernack. Der Tänzer Olaf Reinecke und seine junge Kollegin Stefanie Schwimmbeck trippeln, hüpfen und fliegen über die musikalischen Motive, versuchen einen Schnarchkanon, sind aber sofort wieder hellwach. Mal stört eine Mücke, und der sterbende Schwan sucht sowieso jeden Ballett-Menschen gnadenlos heim. Passepied, Sarabande und Menuett sind auch nicht gerade Schlummermittel. Die bunten Märchenbücher wecken eher Alpträume, unheimliche Schatten tauchen auf. Außerdem ist es unter der Bettdecke entweder zu heiß oder zu kalt; in der Küche lockt der Kühlschrank, und eigentlich müsste man mal aufs Klo. Aber mit einer heiteren Quodlibet-Kissenschlacht wird nach einer guten Stunde voller Traumpoesie doch alles wieder gut.
Kein Wunder, dass von E.T.A. Hoffmann bis Thomas Bernhard und George Tabori etliche Dichter ein Faible für Bachs Goldberg-Variationen hatten. Die Einspielung des Klassik-Hits zu den keineswegs naiven, aber gänzlich jugendfreien Szenen einer geschwisterlich zwischen Teddybär und Schäfchenzählen durchwachten Nacht stammt von dem vielfach preisgekrönten Pianisten Martin Stadtfeld, geboren 1980 in Koblenz. Den Noten-Video-Comic hat Lieve Vanderschaeve beigesteuert.


 

(General Anzeiger Bonn vom 22. September 2015)


 


 

"EIN WUNDERBAR LEICHTFÜßIGES STÜCK A LA BUSTER KEATON"


 

Pick bloggt über "Goldberg Variationen oder Eine schlaflose Nacht" in der Bonner Brotfabrik


 

Die Produktion von bo komplex Bonn, Bärbel Stenzenberger und Olaf Reinecke, umschifft die Klippen des Bach‘schen Meisterwerks geschickt, indem sie die Musik nicht so ernst nimmt.


 

In Bonn hat die neue Spielzeit begonnen mit einer kleinen Produktion, von der ich befürchtet hatte, dass man sich an den Goldberg Variationen möglichweise verheben würde, obwohl ich kein übermäßig großer Fan dieser absoluten Musik bin. Und ich hatte befürchtet, dass man bei so einer kleinen Besetzung schnell an seine Grenzen stoßen würde. Aber Bärbel Stenzenberger und Olaf Reinecke umschiffen die Klippen des Bach‘schen Meisterwerks geschickt, indem sie die Musik nicht so ernst nehmen, wie sicherlich mancher Musikliebhaber es gern hätte. Der Untertitel heißt nämlich “oder eine schlaflose Nacht“.

Wir sehen ein Paar in einer Loge rechts vor der Bühne, dass dabei ist sich die Zähne zu putzen und bei der nächsten Lichtstimmung sehen wir es auf der Bühne erscheinen und senkrecht im Bett liegen, was ja schon mal absurd klingt aber doch so funktioniert. Und ab diesem Zeitpunkt wird nie ganz klar, ob sie tatsächlich keinen Schlaf finden oder doch mehr oder weniger im Albtraum - oder wenigstens traumartig - die kommenden 70 Minuten verbringen. Die erste halbe Stunde habe ich mich ziemlich amüsiert über die eine oder andere Plattitüde, wenn man z. B. im Schattenriss das Nachthemdchen der Partnerin Stefanie Schwimmbeck mit dem Schlafanzug von Olaf tauscht. Da hätte der Ausgangspunkt für ein heftiges Verwirrspiel sein können, aber soweit traut man sich nicht aus der Deckung, nein man findet sich wieder im Bett, dann auch mal in horizontaler Lage und sucht nach möglichst interessanten Lagen und es kommt auch zu einer schön choreografierten, sehr musikalischen Gemeinsamkeit, die den gesamten Raum nutzt, weit entfernt von dramaturgischen Fesseln, einfach nur indem die Musik umgesetzt wird in Bewegung.

Schließlich liegt hier aber die Crux der Musik. Sie heißt nicht „Les petits rien“ und ist nicht nur eine halbe Stunde lang. Da muss einem schon sehr viel mehr einfallen als zu der eben genannten Musik von Mozart und die Goldberg Variationen bei aller Schönheit sind nicht so aufregend, als dass sie nicht doch mal durchhängen.

Dabei fällt mir ein, dass Heinz Spoerli die Goldberg-Variationen in Basel choreografiert hatte, ehe er nach Düsseldorf ging und die Ballettdirektorin Sylvie Bayard mich fragte, wie ich es denn gefunden hätte, denn sie wollte das Stück für das Ballett der Deutschen Oper Berlin haben. Ich riet ihr davon ab, aber als ich später wieder mal in Berlin war, musste ich einsehen, dass es bei den Berlinern ein Riesenerfolg wurde, was auch das Verdienst der technisch außergewöhnlichen Tänzer war.

So kann man sich täuschen und wie schon gesagt, ich war mit dieser Spielzeiteröffnung in der Brotfabrik durchaus zufrieden, weil ich mir mal nicht den Kopf zerbrechen musste, was die Choreografin und die Interpreten, besonders Olaf Reinecke im Schlafanzug, denn wohl sagen wollten. Es war hier mal ein wunderbar leichtfüßiges Stück, in dem er mich an Buster Keaton erinnerte, in manch blödsinniger Szene und die Perücken fand ich zur Abwechslung auch mal ganz schön. Die leichte Muse hat´s immer schwer, ernst genommen zu werden, aber das Premierenpublikum, ich traf eine Dame an der Bar, die das erste Mal den Weg in die Brotfabrik gefunden hatte, und sie war nicht die Einzige, die die beiden Tänzer und die Choreografin mit lang anhaltendem Applaus belohnte. Wenn es einen echten Scout an der Oper Bonn gäbe, würde man diese Produktion in die Kammerbühne im Opernhaus einladen. Vielleicht würde es mit einem Pianisten für die Abonnenten noch mehr Spaß machen!


 

Veröffentlicht am 25.09.2015, von Günter Pick in Blogs auf www.tanznetz.de