Diashow "Shall I compare..."

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Pressestimmen


DIE DÜSTERNIS EINES SOMMERTAGS
"bo komplex" tanzt Shakespeare


von Thomas Kölsch


Romantik? Hoffnungsvolle, aufblühende Zuneigung? Jugendlicher Idealismus? Nein, dieser typisch Shakespear’schen Themen hat sich die Tanzkompanie „bo komplex“ bei ihrer neuen Choreografie „Shall I compare thee to a summer’s day?“ konsequent verweigert. Irritierend angesichts des Titels, der auf eines der bekanntesten und häufig auch verklärtesten Gedichte des Barden von Avon anspielen – aber doch irgendwie auch konsequent, ist doch dessen 400. Todestag der Anlass für das bemerkenswerte Solo, das Tänzer Olaf Reinecke in der Brotfabrik präsentiert.


So stehen denn auch eher Herzschmerz, Einsamkeit und Vergänglichkeit im Zentrum des Geschehens, geht es um die Kehrseite der Liebeslyrik, um das Spiegelbild zu jenem Ideal des jungen Mannes, dem ein Großteil der Verse gewidmet sind. Sonett 18 mag den Titel bilden, doch Sonett 81 den Inhalt. Dessen düster-melancholischen Bemühen um dichterische Unsterblichkeit im Angesicht einer endlichen Existenz haben Reinecke und Choreografin Bärbel Stenzenberger versucht, eine Form zu geben.


Reinecke, der nach eigener Aussage selbst nicht so genau weiß, wie lange er noch derart kraftraubende Soli tanzen kann, kämpft in dem etwa 70-minütigen Stück permanent gegen innere Dämonen, blutig und schmutzig immer wieder aufstehend und in bester Sisyphus-Manier gewisse Bewegungsabläufe ständig wiederholend oder sich an einem Seil abrackernd. Dieses wiederum findet seine Fortsetzung in der Ewigkeit der Kunst: Lieve Vanderschaeve hat für das Projekt eine Videoinstallation geschaffen, in dem das Globe Theatre als Symbol des Shakespear’schen Genies omnipräsent ist – und in das, neben besagtem Seil auch Reinecke hineingeschrieben wird. Immer wieder taucht er als Projektion auf, sein reales Ich kopierend und ihm mitunter auch vorweggehend.


Dem klassischen Shakespeare-Bild entspricht die Choreografie letztlich nicht. Eher wirkt sie - auch mittels der kratzigen und von Noise-Elementen geprägten Klangkomposition Philip Roschers - verstörend. Im Vergleich zu früheren Werken von "bo komplex" ist "Shall I compare thee to a summer's day?" zweifelsfrei schwer zugänglich, regt dadurch aber auch zum Nachdenken an. Und, nicht zuletzt dank des herausragenden Lichtdesigns von Markus Becker und Florian Hoffmann, zum Staunen. Was Shakespeare dann letztendlich doch irgendwie gerecht wird.


(General Anzeiger Bonn vom 5. September 2016)


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SHAKESPEARE UND POLITIK IN KÖLN UND BONN

Gute Ideen sind in der Brotfabrik Bonn und der Tanzfaktur Köln zu erleben. Vor allem die Tänzer beeindrucken.


von Günter Pick


„Shall I compare thee to a summerday“ diesen klingenden Titel hat Bärbel Stenzenberger gewählt für ein Stück, dem Sonette von Shakespeare als Grundlage dienen. Und in diesen kalten Tagen wird es wohltun sich in der gut geheizten Brotfabrik von ihr und Olaf Reinecke in die Welt der Poesie entführen zu lassen. Wer diese Dichtungen kennt, wird wissen, dass sie wie Musik und nicht immer zu entschlüsseln sind. Dass sie vielfachen Sinn haben, ist der Reiz, in den sich schon mehrfach Theatermacher verliebt haben. Die Texte, in der Originalsprache, werden hier ein Partner der Musik (Komposition/Musikdesign: Philip Roscher). Allerdings ist das nicht gedacht als Ruhekissen für die Sprache, sondern es ergibt sich eine Reibung und somit ein spannendes und erfreuliches Nebeneinander.

Das Stück für einen einsamen Darsteller (Olaf Reinecke) ist eine Stunde konzentrierter Lust, auch wenn es ein Geheimnis bleibt warum eigentlich. Niemand will sich hier festlegen auf Fakten, nicht einmal die Frau, die die andere Hauptrolle spielt, die die Bilder zu diesem Werk gestaltet hat, die Künstlerin Lieve Vanderschaeve. Und wenn ich Bilder sage, ist das eigentlich nicht ganz korrekt, solche gibt es zwar, aber wenn man gut aufpasst, wird man sehen, dass sie tatsächlich, wie die Sonette auch, ein Eigenleben haben. Und wenn man gerade gedacht hat, man habe es jetzt erfasst, hat sich unmerklich schon wieder alles verändert. So wird nicht nur eine Poesie im Text, sondern auch eine Poesie der Architektur geschaffen.

Ich könnte jetzt versuchen, dem allem auf den Grund zu gehen, denn alle vier Partner sind keine Illusionisten mit einem Zauberkasten, sondern sie zählen darauf, dass die Zuschauer willig sind, sich Shakespeare, oder wer immer hinter diesem Namen verborgen ist, zu ergeben. Für Olaf Reinecke, der übrigens nicht immer allein erscheint, sondern einen Doppelgänger hat, ist dieser Abend möglicherweise ein großer Schritt in die richtige Richtung, auch wenn ich nicht glaube, dass dies ein Hintergedanke dieser Produktion war. Reinecke beweist an diesem Abend, dass er mehr kann, als irgendwelche Schritte für sich erfinden zu lassen. Er ist eine wirkliche Bühnenerscheinung, die auch solch einem vielschichtigen Sujet gewachsen ist. Aber leider verbirgt sich in diesem Projekt auch eine kleine Gefahr: wenn es denn einen Darsteller/Tänzer an neue Gestade spülen soll, kann, soll, will, er oft, wie hier auch, vage bleiben. Normalerweise ist der Bühnenboden aber kein Sumpf, wie jeder Tänzer weiß, und wenn er es denn wäre, man müsste auch in ihm bestehen! ...


(tanznetz.de vom 09. Februar 2017)